Zweig, Stefan: Brief an Richard von Schaukal. Wien, 13.5.1914
Verlaine in Ihre Form gegossen, ganz durch
die Glut Ihres eigenen Sprachwillens getrieben,
und was höchstes Lob wäre, bedeutete
für Sie als Dichter äusserste Verringerung,
nämlich wenn ich sagte, dass er dabei ganz
unverstellt geblieben sei, nicht tingiert
von Ihrer eigenen Persönlichkeit. Wer Dich
ter ist hat seine eigene Melodie, die in
jeden Vers, den er schreibt, in jede Prosa
zeile durch tausend unsichtbare Poren
eindringt – Ihre Verlaine Ubertragung
bleibt darum immer die Ihre. Und ich
versuche hier Verlaine zu geben als die
Ursubstanz ohne jede andere Tingierung
als die specifisch culturell-literarische
unserer Sprache, des Deutschen um 1900.
Ich meine darum wohl, dass Sie nichts
aufgeben, wenn Sie uns eine Lese ge
statten, denn Sie als Dichter sind doch
beides, Ihre Persönlichkeit und doch