Franzos, Ottilie: Brief an Julius Pée. Wien, 11.1.1922
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setze mich an den Riesenschreibtisch meines Mannes, der
zu meiner Aussteuer eigens für ihn getischlert wurde, und
"suche eine stille Stunde fern von dieser Welt".
Vor Allem möchte ich einmal auf das Allerherzlichste für
die Marken danken, von denen mein nur zu sehr gelieb=
Rudolf viele nicht hatte. An den schönen Postkarten
ergötze ich mich vorläufig sehr, da er mich bat, sie für
ihn aufzubewahren bis er größer ist. Geographie ist ihm
noch ein ganz dunkler Begriff, obwohl er schon 10 Jahre
ist. Seine Erziehung wird nicht in Allem nach meinem Sinne
geleitet, aber was hat eine alte Großtante zu sagen?
Verzeihen Sie . . . . Seine Mutter ist mein großer Liebling, sein
Vater mein einziger Neffe.
Eines der merkwürdigsten Bücher sind die Memoi-
ren der Glückel v. Hameln, einer jüdischen Handels-
frau, geb. 1645, die sie nach des Tages Mühen all-
nächtlich für ihre zahlreichen Kinder geschrieben hat.
Sie sind 1910 als Privatdruck erschienen. Ich habe
mir sie damals von der angesehenen Familie,
mit der ich gesellschaftlich zusammentraf - erbettelt.
1913 sind sie dann, mit Hinweglassung des Nach-
folgestammbaums - weil Einige ihre jüdische Abstammung
nicht einbekennen wollen!!! - erschienen. Auch diese
Ausgabe habe ich mir der Einleitung halber gekauft.
Bei meiner gestrigen Erwähnung des Dichterbuchs
aus Öst. fiel mir ein, Sie darin auf das kleine
Gedicht der Gräfin Wickenburg Almasy aufmerk-
sam zu machen: "Fragst Du die Kinder, ob sie glücklich
wären...", für mich das schönste im Bande.
Ich fahre in der Beantwortung Ihres geschätzten
Briefes vom 30/11 20 fort. Werde ich je fertig werden?
Mache ich Sie ungeduldig?
Brandes lernten wir 1882-83 in Berlin kennen,
wo er mit seiner Frau - der geschiedenen von Strodt-
mann - und seinen kleinen Töchtern gewissermaßen
im Exil lebte. Vielleicht, da schwankt aber mein Ge-