Franzos, Ottilie: Brief an Julius Pée. Wien, 11.1.1922
5.
dächtniß - Aber nein! wir waren ja 1880 in Kopenhagen mit
ihm und seiner Frau zusammen, auch später trafen wir
ihn in St. Moritz und noch später während Berliner Besuche
seinerseits. Er war auch im Gespräch von sprühendem
Geist und großer Originalität, dabei von großer, aber
anziehender Häßlichkeit. Als er nach Kopenhagen zurück=
gerufen, von Berlin wegzog, gab ihm die Berliner
Schriftstellerei ein großes Abschiedsfest. Ein schönes Gedicht
des nicht anwesenden Heyse wurde vorgelesen, in dem
vorkam "und schütteltest den märk'schen Sand entschlos-
sen von den Schuhen". Wie sehr beneidete ich ihn darum,
denn damals war noch mein Heimweh nach Wien
brennend.
Schönerer†, Georg Ritter v., war damals öst. Abge-
ordneter und trieb sein Deutschtum so weit, daß er
für die Vereinigung mit Deutschland agitierte,
nebenbei war er, wie seine Parteigenossen, Anti-
semit. Er zog sich verschiedene Strafen zu, auch eine wegen
gewaltsamen Einbruchs in die Redaction des "Wiener Tag-
blatts" und wurde seines Adels verlustigt. Zur Zeit
jenes Kommerses war er unendlich populär bei den
Studenten und wurde mit solchem Applaus empfangen,
daß Pfaff sagte: "Da kann nur Erich Schmidt [der Literar-
historiker,] oder Schönerer kommen." Wegen der Agita-
tionen war damals das Lied "Deutsche Worte" -
öffentlich ver-
boten. Pfaff war deutsch, aber deutschösterreichisch gesinnt,
war Universitätsprofessor und kaisertreu. Überdies
hätte es ihm vielleicht auch nicht gepasst, anwesend zu sein,
wenn es zu einem Konflikt wegen Schönerers Rede
zwischen diesem und dem anwesenden Polizeiorgan
gekommen wäre. Schönerer ist hochbetagt vor weni-
gen Jahren gestorben, längst nicht mehr Abgeordneter.
"Bemooster Bursche", ob von Schwab oder Kerner
kann ich augenblicklich nicht feststellen.. Kann mich