Franzos, Ottilie: Brief an Julius Pée. Wien, 11.1.1922
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gar nicht erinnern, dieses Liedes erwähnt zu haben.
Sie sagen gütig, es beunruhige Sie, daß mein Lebensabend beschat-
tet ist. Lieber Herr Professor, ich teile das Los von Tausenden und
Abertausenden, habe mich also nicht zu beklagen. Die Verschiedenheit
unseres Glaubensbekenntnisses und unserer Nationalität
wären vor dem Krieg gewiß keine Schranke gewesen. Vor
dem Krieg, wenn ich zuweilen eine bescheidene Spende hier
oder in die Heimat meines Mannes gegeben habe, fügte
ich immer bei: "Ohne Unterschied der Nationalität und
des Glaubens." /Ich rede nur von mir, die Gesinnungen
K. E. F´s ersehen Sie ja aus seinen Werken.) Im Krieg
freilich gab es schon Momente, wo Verrat und Treulosig=
keit mich das, mir bis dahin unbekannte, Gefühl des
Hasses gelehrt hat. Aber doch nie gegen den Einzelnen - gegen
eine polnische Excellenz einmal, die sich roh und schaden=
froh äußerte. Ich war inzwischen mit Czechen beisammen,
auch mit einem - Italiener. Sie waren für mich nur
Menschen, je nach ihrer Art sympatisch oder nicht. Was
aber sollte mich von Belgiern, von Vlämen scheiden?!
Was nun die Konfession betrifft, so glaube ich, daß Sie
sich, verehrter Herr Professor, nicht den richtigen Begriff
vom gebildeten westlichen Judentums machen,
vom gottgläubigen, das andere ist ja hier über-
haupt bei Seite zu lassen. Vom Konfessionellen ist über-
haupt nichts zu merken, nur ganz Wenige
halten noch den großen Fasttag (Jom Kipur). Meine
Mama tat es noch, sonst Niemand im Hause, und
noch Wenigere Ostern (Pessach). Mama kaufte zwar
ungesäuerte Brote, ließ sie sich aber ganz ruhig
mit den gesäuerten im Hause vortragen. Es war
also ein Erinnern, aber ganz unrituell. Den einzigen
Cederabend, das ist das feierliche Einweihungs=
mahl zu Ostern, das mein Mann und ich erlebt
haben, war einer vom Großvater meiner Schwä=