Haus, Anton von: Brief an Lucia von Fries-Skene. Pola, 5.11.1916 - 9.11.1916
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aber nicht mitgeht, sondern weit weg=
bleibt. Ganz verstanden hat ihn nur sein
treuer Hund. Tom, ungeduldig: „Genug von Indern,
Philosophen u. Hunden! Lieber wieder etwas Schönes
von ihr!”
Von etwas - das weiß ich - können Sie sich
gar keine Vorstellung machen: von der
Freude, die in meinem Herzen aufwallt,
wenn Ihr Mann etwas von Ihnen erzählt.
Als er gar am letzten Abend von Ihrer
Sanftmut sprach u. daß er, seit Sie ver=
heiratet sind, Sie nicht ein einzigesmal
grantig gesehen habe, war ich so ent=
zückt, gerührt u. stolz, daß ich ihn am
liebsten umarmt hätte. Können Sie
mir das nicht nachfühlen? - Mein Ideal=
bild von Ihrer Harmonie war auf einmal
viel klarer, bestimmter, vollständiger,
strahlender. Durch dieses eine Authentische
wurde mir soviel Anderes, einzelne
Beobachtungen, Eindrücke, Kombinationen,
auf einmal ganz klar u. gewiß. Und es
jubelte in meinem Herzen: „Ja, so ist sie,
noch schöner, edler, als ich geahnt; u. alles so
echt u. ohne Falsch! Ein wirkliches holdes Wun=
der: meine liebe Freundin!” Das Gebet
in der Stefanskirche! Dafür bekommt sie
einen betäubenden Hieb auf den Kopf von
mir. Und sie sagt sanft, daß sie nicht schuld
sei, u. fragt mich gleich, ob ich mir nicht weh
getan. Und kommt selbst, bringt mir den
Himmel her u. läßt mir die schönste
Wunderblüte Ihres Vertrauens zurück.
Ist sie ein irdisch Geschöpf, vor dem ich fliehen
soll? - Sehen Sie das alles mit ganz andern
Augen? Bin ich nur ein Schwärmer, Träumer?